Man möge es mir verzeihen, aber ich bin etwas angesäuert. Wie bereits erwähnt, befinden wir uns seit heute auf der „Pilgerautobahn“. Und es ist so wie auf einer normalen Autobahn. Es ist voll, es gibt Stau und es ist laut. Und der Regen, der uns heute begleitete, trug nicht unbedingt dazu bei, die Stimmung zu heben.

Ich bin dankbar dafür, den Weg vor drei Jahren gegangen zu sein, als durch die Auswirkungen von Corona noch nicht so viel los war. Wenn ich an die Tage von damals zurückdenke, war das heute für mich wie ein kleiner Kulturschock.
Es war es rappelvoll, und das nicht nur auf dem Weg, sondern auch an den Pilgeroasen und den Gaststätten auf dem Weg, und natürlich auch an besonderen Stellen, wo jeder ein Foto machen wollte,wie zum Beispiel an kleinen älteren Bachübergängen. Da hieß es dann anstellen und warten, auch wenn man kein Foto machen wollte.
Wenn diese Menschen dann wenigstens in Ruhe pilgern würden, aber es gab wieder streitende Pärchen, größere Menschengruppen, die sich lautstark über sonstwas unterhielten aber nicht übers Pilgern und junge Männer, die scheinbar den Flug nach Mallorca verpasst hatten und dachten als Alternative mal zu pilgern ist auch ganz nett. Aber ich will mich ja nicht beschweren. Ich hatte ja schließlich meine elf Tage Pilgerruhe.
Heute:

Vor drei Jahren

Und dann sind es trotz allem wieder diese besonderen Momente, die einem die Tränen in die Augen treiben. Kurz vor meinem heutigen Zielort überholte ich ein junges Mädchen, vielleicht Anfang 20, die mit sichtlicher Kraftanstrengung ihre Füße scheinbar in Zeitlupe Stück für Stück nach vorne bewegte. Den linken Fuß dabei leicht nach außen gestellt. Im Vorübergehen wünschte ich ihr ein „Buen Camino“, dass sie lächelnd erwiderte und dabei sah ich in ihren Augen diesen unbedingten Willen ihr Ziel in Santiago selbstständig zu erreichen, was ich ihr natürlich von Herzen wünsche.
Das ist es, was den Jakobsweg ausmacht, der Camino nimmt, und der Camino gibt…
Ein typisches Pärchen der Gattung „Touringrino“.

Koffer und Taschen werden nicht nur aus Hotels abgeholt, sondern auch Rücksäcke aus Pilgerherbergen.

Gestern kam mir bei meiner Ankunft in der Herberge übrigens ein etwas korpulenter Mann in Flipflops, kurzer Hose und T-Shirt entgegen, Sachen die er morgens bei meinem Start in der anderen Herberge beim Kaffeetrinken im Frühstücksraum auch schon anhatte. Ich habe da so eine Vermutung, dass er die 28 km nicht gelaufen ist. 😉
Ich genieße jetzt erst mal einen entspannten Samstagabend und wünsche allen einen ebensolchen. Morgen geht’s dann auf die drittletzte Etappe. 🥾
